Veronika Günther: Love me or die

23. Juni – 7. Juli 2021

Rund um die Uhr geöffnet, die Ladengalerie ist von der Straße aus einsehbar.

Veronika Günther, love me or die, 2020/2021, Gouache auf Papier, jeweils ca. 148 x 105 mm, Foto: Veronika Günther

Projekt

Sie zeichnet, wie man sich unterwegs Notizen macht: schnell, stichpunktartig, ins Unreine, nicht ausformuliert. Und sie ist enorm produktiv. Jeden Tag wirft Veronika Günther eine zutiefst menschliche Situation aufs Papier. Schwarz auf weiß, Blatt für Blatt, Tag für Tag. Das ist Konzept und ihr persönlicher künstlerischer Ansatz. »Dass ich es schnell mache, ist wichtig«, betont sie. »Die Geschwindigkeit erleichtert mir die Arbeit sehr, dann läuft es. Und es muss billiges Material sein, ein hoher Einsatz an Kosten und Material würde mich einschüchtern, ich produziere ja viel Ausschuss«.

In ihren Date-Drawings rückt sie Frauen und Männer miteinander, gegeneinander oder allein ins Scheinwerferlicht – stets verstrickt in die tragikomischen Herausforderungen des Alltags und der eigenen Existenz. Frivole Damen, lasziv Zigarette rauchend. Bestialische Männer mit Gebissen wie Gitterstahl. Stille Stubenbrüter mit melancholischem Blick in leere Handydisplays. Kopulierende Paare mit sichtbarer Konzentrationsschwäche. Dazwischen zähnefletschende Tiere, melancholische Architekturen, Massenmediales. Das alles aneinandergereiht zu Storyboards, in Kapitel gruppiert und mit Zwischentiteln versehen. »Is it dangerous«?

Wenige schwarze Gouache-Striche auf weißem DIN A 6-Papier und sparsam gesetztes Signalrot reichen aus, um Schicksale aufscheinen zu lassen und ahnungsvolles Mitwissen düsterer Geschehnisse herzustellen. Die Protagonisten dieser schwarzgemalten Conditio Humana können beides: anrühren und ängstigen. Die Körper langgezogen und gewunden wie Schlangen, die Füßchen oft viel zu klein, um auf sicherem Boden zu stehen. Und dann immer wieder diese dick schwarz umrandeten Augen. »Die Originalzeichnungen sind in mehrfacher Hinsicht warm, die Themen sehr persönlich«, sagt Veronika Günther über ihre Arbeiten. »Das alles strahlt eine Körperwärme aus und das kann ziemlich unangenehm sein. Zu nah, zu privat. Wenn man die Zeichnungen allerdings auf einem Bildschirm, einem Handydisplay oder als Projektion sieht, entsteht ein Kontrast zwischen der Wärme der ursprünglichen Blätter und der Kühle des Mediums, in dem sie gezeigt werden. Das macht die Zeichnungen für mich viel attraktiver.«

Die Stärke der Linien variiert. Die mit intuitivem Elan hingeworfenen Striche haben enorme Kraft und sind unbändig vital. Und so schießen diese Zeichnungen in die Venen und direkt ins Herz. Ihre reduzierten, archaisch anmutenden Figuren lassen an Keith Harings Strichmännchen und seinen emotionsgeladenen Duktus denken. Mit ihm verbindet Veronika Günther das sozialpolitische Engagement, die Hinwendung auch zu denen, die im gesellschaftlichen Abseits stehen. Und wie in Harings subway drawings kann bei ihr Sprachtext zur Zeichnung werden, handschriftlich hingeworfen wie in Comics, kreideweiß auf schwarzem Grund. »Can I ask you something«?

Neben Pop-Art-Bezügen lassen sich expressionistische Elemente ausmachen. Kurt Tucholskys Sudelbuch kommt einem in den Sinn mit seinen Kurznotizen, Einfällen, Wendungen, Witzen, Zoten. Und der auf den Straßen Großbritanniens Ideen klaubende David Shrigley aus der jüngeren Generation. Dass sich die Zeichnungen gut eignen, einzeln hintereinander gezeigt zu werden und damit filmische Qualitäten zu entwickeln, war eher eine Zufallsentdeckung. »Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, über eine große Beamer-Projektion viele hundert Zeichnungen zu zeigen. Also habe ich sie einfach alle wie Dias hintereinander gesetzt. Je nach Größe des Monitors oder der Projektion bekommen die kleinen schludrigen Zeichnungen eine Wucht, die mich selbst überrascht hat. Das ist vielleicht so, wie wenn man an einer Akustikgitarre rumzupft und dann stöpselt man eines Tages einen Verstärker an und plötzlich klingt jeder kleine Anschlag konzertreif.«

Ihre Bilder kommen aus dem Gedächtnis. Dorthin können sie auf verschiedene Art gelangt sein. Selbst erlebt, geträumt, gelesen. Oder jemand anderes hat es erzählt. Den Werkprozess beschreibt sie so:
»Im Laufe des Lebens entsteht ein riesiger Komposthaufen von Erinnerungs- und Vorstellungsbildern. Alle Eindrücke landen auf diesem Haufen, nicht nur die visuellen, aber sie sind für mich die künstlerisch verwertbaren. Beim Übersetzen der Gedächtnisbilder in Zeichnungen entsteht dann eine Fiktionalisierung. In gewissem Sinn richten sich die Blätter immer an die Person, mit der das jeweilige Erinnerungsbild verknüpft ist.

Man könnte sagen: Alle Zeichnungen zusammen sind ein langer, komplizierter Liebesbrief.«

Sabine Adler

Ausstellung

23. Juni – 7. Juli 2021

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